Wer regelmäßig Kurscharts analysiert, kennt das Problem: Viele Momentum-Indikatoren reagieren schnell, erzeugen dabei aber auch viele Fehlsignale. Der True Strength Index, kurz TSI, wurde in den frühen 1990er-Jahren von William Blau entwickelt, um genau diesen Schwachpunkt zu beheben. Durch eine zweifache exponentielle Glättung des Preismomentums filtert er kurzfristiges Rauschen heraus und macht damit mittel- bis längerfristige Trendphasen sichtbarer. Das macht ihn besonders für Anleger interessant, die nicht jeden einzelnen Kursausschlag handeln wollen, sondern tragende Bewegungen frühzeitig erkennen möchten.
Was der True Strength Index eigentlich berechnet
Im Kern misst der TSI die tägliche Preisveränderung, also die Differenz zwischen dem aktuellen Schlusskurs und dem des Vortages. Diese Rohwerte werden dann zweimal geglättet: zunächst mit einem exponentiellen Gleitenden Durchschnitt über 25 Perioden, danach erneut mit einem EMA über 13 Perioden. Dasselbe geschieht mit den Absolutwerten dieser täglichen Veränderungen, also ohne Vorzeichen. Der TSI-Wert ergibt sich schließlich aus dem Verhältnis der doppelt geglätteten Preisänderungen zu den doppelt geglätteten Absolutwerten, multipliziert mit 100.
Das Ergebnis ist ein Oszillator, der zwischen etwa minus 100 und plus 100 schwankt, in der Praxis aber fast immer im Bereich zwischen minus 25 und plus 25 bleibt. Positive Werte zeigen an, dass das Momentum aufwärts gerichtet ist, negative Werte stehen für ein abwärts gerichtetes Momentum. Die Nähe zu null signalisiert eine neutrale Phase ohne klare Richtung.
Standardparameter und ihre Wirkung
Blau selbst empfahl die Kombination 25/13, die sich als Standard durchgesetzt hat. Der erste Wert steuert die Stärke der ersten Glättung, der zweite die der zweiten. Wer kürzere Perioden wählt, etwa 13/7, erhält einen reaktiveren TSI, der früher auf Trendwenden hinweist, dafür aber auch öfter Fehlsignale produziert. Längere Einstellungen wie 40/20 dämpfen die Kurve stärker und eignen sich für Wochencharts oder für Anleger mit längeren Haltezeiträumen.
Häufig wird dem TSI zusätzlich eine Signallinie überlagert, meist ein EMA mit neun Perioden auf den TSI-Wert selbst. Kreuzt der TSI diese Linie von unten nach oben, gilt das als Kaufsignal. Kreuzt er sie von oben nach unten, entsteht ein Verkaufssignal. Dieses Prinzip ähnelt dem MACD, arbeitet aber mit deutlich geglätteteren Ausgangsdaten.
Praktische Signale im Alltag erkennen
Ein konkretes Beispiel: Angenommen, eine Aktie hat nach einem mehrwöchigen Rückgang begonnen, auf Tagesbasis stabilere Schlusskurse zu liefern. Der TSI befindet sich bei minus 18 und beginnt langsam anzusteigen, ohne die Nulllinie bereits erreicht zu haben. Kreuzt er dabei seine Signallinie nach oben, kann das ein früher Hinweis auf eine Bodenbildung sein, noch bevor der Kurs selbst einen klaren Aufwärtstrend zeigt. Dieses Frühzeitigkeitsverhalten unterscheidet den TSI von einfachen gleitenden Durchschnitten.
Wer sich tiefer mit den Berechnungsgrundlagen und Einsatzmöglichkeiten beschäftigen möchte, findet beim True Strength Index erklärt eine strukturierte Übersicht mit weiteren Beispielen und Parametervarianten. Gerade für den Einstieg lohnt sich ein Blick auf solche Referenzquellen, bevor man den Indikator in den eigenen Workflow integriert.
Besonders aussagekräftig wird der TSI in Kombination mit der Beobachtung von Divergenzen. Wenn ein Kurs ein neues Tief markiert, der TSI aber kein entsprechendes neues Tief mehr erreicht, spricht man von einer bullischen Divergenz. Das Gegenteil gilt für bärische Divergenzen bei neuen Hochs. Solche Konstellationen treten seltener auf als einfache Kreuzungssignale, haben aber eine höhere historische Trefferquote.
Vergleich mit ähnlichen Indikatoren
| Indikator | Glättungsstufen | Typische Anwendung |
|---|---|---|
| RSI | Keine (einfaches Smoothing) | Überkauft/überverkauft, kurzfristig |
| MACD | Einfach (zwei EMAs) | Trendfolge, mittelfristig |
| TSI | Doppelt (EMA des EMA) | Momentum, mittel- bis langfristig |
| Stochastik | Einfach mit Signallinie | Überkauft/überverkauft, kurzfristig |
Der entscheidende Vorteil des TSI gegenüber dem RSI liegt in seiner Resistenz gegen kurzfristige Ausreißer. Ein einzelner starker Kursanstieg, etwa nach einer Unternehmens-News, verzerrt den TSI weit weniger als den RSI, weil die doppelte Glättung extreme Einzelwerte abschwächt. Das macht ihn robuster für die Trendanalyse über mehrere Wochen oder Monate.
Grenzen und typische Fehler bei der Anwendung
Kein Indikator funktioniert unter allen Marktbedingungen zuverlässig, und der TSI macht da keine Ausnahme. In seitwärts gerichteten, trendlosen Märkten erzeugt er häufig Whipsaw-Signale, also schnelle Richtungswechsel, die zu verfrühten Ein- oder Ausstiegen verleiten. Wer den TSI allein verwendet, ohne den übergeordneten Marktkontext zu prüfen, wird regelmäßig in solche Fallen tappen.
Ein weiterer häufiger Fehler: Der TSI reagiert verzögert. Das liegt in seiner Konstruktion, denn doppelte exponentielle Glättung kostet Zeit. Wer sehr kurzfristige Bewegungen handeln möchte, ist mit schnelleren Indikatoren besser bedient. Der TSI entfaltet seine Stärken erst im Tageschart über Perioden von mehreren Wochen oder im Wochenchart über Monate hinweg.
- Nie ohne Trendkontext verwenden: Läuft der Gesamtmarkt seitwärts, sinkt die Signalqualität deutlich.
- Divergenzen höher gewichten als bloße Kreuzungssignale mit der Signallinie.
- Parameter an den jeweiligen Zeitrahmen anpassen, nicht blind die Standardwerte übernehmen.
- Den TSI als Bestätigung nutzen, nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage.
Wann der TSI seinen Platz im Analyse-Werkzeugkasten verdient
Für Privatanleger, die Aktien oder ETFs über Zeiträume von mehreren Wochen bis Monaten halten, kann der True Strength Index eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Trendwerkzeugen wie gleitenden Durchschnitten sein. Er hilft dabei, Einstiegspunkte innerhalb bestehender Trends zu präzisieren und mögliche Trendwenden frühzeitig auf dem Radar zu haben, ohne dabei in jedes kurzfristige Rauschen hineingezogen zu werden.
Die doppelte Glättung ist kein Selbstzweck, sondern spiegelt eine klare Designphilosophie wider: Blau wollte einen Indikator schaffen, der das echte, anhaltende Momentum einer Kursbewegung sichtbar macht, nicht deren zufällige tägliche Schwankungen. Wer sich einmal mit diesem Grundgedanken vertraut gemacht hat, wird den TSI als deutlich ruhigere und damit besser lesbare Alternative zu vielen anderen Momentum-Werkzeugen schätzen lernen.