Wer in einer Kommunalverwaltung arbeitet, kennt das Tempo, in dem sich gesetzliche Vorgaben, digitale Werkzeuge und Bürgeranforderungen verändern. In Bürstadt stellt sich die Stadtverwaltung dieser Entwicklung mit einem konkreten Schritt: Ab 2026 werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rathauses systematisch über den KommunalCampus weitergebildet. Was steckt dahinter, und was ändert sich im Arbeitsalltag?
Warum digitale Qualifizierung in Kommunen drängender wird
Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung ist kein freiwilliges Projekt. Das Onlinezugangsgesetz verpflichtet Bund, Länder und Kommunen dazu, Verwaltungsleistungen sukzessive digital anzubieten. Für Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter im Rathaus bedeutet das: neue Software einsetzen, digitale Akten anlegen, Online-Formulare prüfen und dabei rechtssicher handeln. Ohne gezielte Schulung bleibt vieles Flickwerk.
Hinzu kommt der demografische Druck. In vielen kleineren Städten wie Bürstadt scheiden erfahrene Verwaltungsmitarbeiter in den nächsten Jahren aus. Wissen muss strukturiert weitergegeben werden, bevor es verloren geht. Gleichzeitig bringen Nachwuchskräfte zwar digitale Grundkenntnisse mit, aber kaum Erfahrung mit den spezifischen Abläufen und Rechtsfragen des kommunalen Alltags.
Was der KommunalCampus 2026 konkret anbietet
Das Weiterbildungsprogramm umfasst laut aktuellem Planungsstand rund 40 Kursmodule, die sich in drei Schwerpunktbereiche gliedern: digitale Verwaltungsabläufe, rechtliche Grundlagen und Kommunikation. Jedes Modul ist auf maximal 90 Minuten ausgelegt, damit es in den Arbeitstag integrierbar bleibt, ohne ganze Schichten zu blockieren.
Für Bürstädter Beschäftigte sind vor allem folgende Kursgruppen relevant:
- E-Akte und Dokumentenmanagement: Einführung in die papierlose Bearbeitung von Vorgängen, Archivierungsregeln nach GoBD
- Bürgerportal-Administration: Konfiguration und Pflege digitaler Antragsformulare auf dem Stadtportal
- Datenschutz im Verwaltungsalltag: DSGVO-konformes Handeln bei der Verarbeitung von Einwohnerdaten
- Digitale Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern: Sichere E-Mail-Nutzung, De-Mail, Verwaltungspostfach
- Grundlagen der IT-Sicherheit: Phishing erkennen, Passwortmanagement, Meldewege bei Vorfällen
Die Lerneinheiten lassen sich online absolvieren, wahlweise am Arbeitsplatz oder von zu Hause. Eine Präsenzpflicht gibt es nicht, wohl aber optionale Vertiefungsworkshops, die quartalsweise in der Verwaltung angeboten werden sollen.
Wie die Umsetzung in Bürstadt organisiert wird
Die Stadt hat dafür eine interne Koordinierungsstelle eingerichtet. Zwei Mitarbeiterinnen aus dem Bereich Personal und Organisation übernehmen die Lernbegleitung: Sie weisen neue Beschäftigte in die Plattform ein, verfolgen Lernfortschritte über das integrierte Dashboard und stimmen mit den Abteilungsleitern ab, welche Module für welche Stellen verpflichtend sind.
Über die Plattform des KommunalCampus können Vorgesetzte auf anonymisierte Auswertungen zugreifen, die zeigen, wie viele Beschäftigte ein Modul abgeschlossen haben und wo Wiederholungsbedarf besteht. Einzelne Lernergebnisse bleiben dabei nicht einsehbar, was den Betriebsrat in Bürstadt frühzeitig überzeugt hat.
Geplant ist ein gestaffelter Start: Im ersten Quartal 2026 beginnen die Abteilungen Bürgerservice und Ordnung, da dort die Schnittstellen zum digitalen Bürgerportal am dichtesten sind. Bis Ende 2026 sollen alle rund 85 Festangestellten der Stadtverwaltung mindestens drei Pflichtmodule abgeschlossen haben.
Kosten, Förderung und Vergleich
Die Lizenzkosten für den KommunalCampus liegen für eine Kommune in der Größenordnung Bürstadts bei schätzungsweise 4.000 bis 6.000 Euro jährlich, abhängig von Nutzerzahl und gewählten Modulpaketen. Zum Vergleich: Eine eintägige Präsenzschulung durch externe Trainer kostet häufig 1.500 Euro oder mehr, deckt aber nur einen Bruchteil der Themen ab und bindet alle Teilnehmer gleichzeitig.
Teile der Kosten können über Förderprogramme des Landes Hessen gedeckt werden. Das Hessische Ministerium des Innern und für Sport hat im Rahmen seiner Digitalisierungsstrategie entsprechende Mittel für kommunale Qualifizierungsmaßnahmen ausgewiesen. Die genauen Förderbedingungen hängen vom Haushaltsjahr und dem jeweiligen Antragszeitpunkt ab.
| Format | Kosten (Schätzung) | Reichweite | Flexibilität |
|---|---|---|---|
| Externe Präsenzschulung | 1.500 Euro / Tag | 10 bis 20 Personen | Gering |
| E-Learning-Plattform (Jahreslizenz) | 4.000 bis 6.000 Euro | Alle Beschäftigten | Hoch |
| Interne Schulung durch Kollegen | Personalzeit | Variabel | Mittel |
Was Beschäftigte konkret davon haben
Weiterbildung klingt abstrakt. Was verändert sie im Bürostag tatsächlich? Wer die Datenschutzmodule absolviert hat, weiß beispielsweise genau, welche Informationen er per einfacher E-Mail verschicken darf und welche zwingend über das Verwaltungspostfach laufen müssen. Das schützt vor Fehlern mit rechtlichen Folgen und vor unangenehmen Rückfragen der Aufsichtsbehörde.
Wer die Kurse zur E-Akte kennt, verbringt weniger Zeit damit, Dokumente zu suchen, zu kopieren oder in mehreren Systemen nachzupflegen. Das Statistische Bundesamt hat in einer Erhebung zur öffentlichen Verwaltung ermittelt, dass Beschäftigte in deutschen Kommunen durchschnittlich rund 20 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Tätigkeiten verbringen, die sich durch digitale Prozesse deutlich verkürzen ließen. Weiterbildung ist dabei kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für den Effizienzgewinn.
Für Nachwuchskräfte bietet die Plattform außerdem einen strukturierten Einstieg in den Verwaltungsalltag, der über das klassische „Einarbeitung durch den Vorgänger“-Modell hinausgeht. Module können wiederholt werden, ohne dass jemand nachfragen muss.
Ausblick: Wie es nach 2026 weitergeht
Die Stadtverwaltung Bürstadt plant, das Programm nach der ersten Evaluierungsphase Ende 2026 anzupassen. Module, die kaum genutzt werden oder schlechte Bewertungen erhalten, sollen aus dem Pflichtprogramm herausgenommen werden. Neue Inhalte, etwa zur KI-Nutzung in der Verwaltung oder zu barrierefreier digitaler Kommunikation, stehen bereits auf der Wunschliste.
Eines ist klar: Digitale Weiterbildung ist kein einmaliges Projekt mit Abschlussdatum. Sie ist Daueraufgabe. Bürstadt setzt mit diesem Schritt ein Signal, das über die Stadtgrenzen hinaus wahrnehmbar ist, und gibt Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Werkzeug, das sie für eine moderne Verwaltung brauchen.
Michael Hoffmann / Sandra Meier